Versklavt: Eine Theologie der Sucht

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Geschätzte Lesezeit: 8 Min
John Street

Du wirst das Wort ‚Sucht‘ nicht in deiner Bibel finden. Die Bedeutung des deutschen Wortes geht zurück auf ein krankhaft gesteigertes Verlangen bzw. einen krankhaften Trieb. Heute wird ‚Sucht‘ als Synonym für hoffnungslose Abhängigkeit gebraucht. Aber was hat die Bibel zum Thema Sucht zu sagen?

Wenn du das Wort Sucht hörst, denk an ‚Versklavung‘. Der Unterschied in der Wortwahl ist entscheidend: Aus der Sklaverei kann man befreit werden, aber von einer Sucht kann man letztlich nicht frei werden. Warum? Weil, wie die Welt auf so freudig-pessimistische Weise verkündet, ein Alkoholiker immer ein Alkoholiker bleiben wird. Jemand, der süchtig nach Pornographie ist, wird immer nach Pornographie süchtig sein.

Aber das ist einfach nicht wahr.

Paulus schreibt den Korinthern: „Irrt euch nicht: Weder Unzüchtige noch Götzendiener, weder Ehebrecher noch Weichlinge, noch Knabenschänder, weder Diebe noch Habsüchtige, noch Trunkenbolde, noch Lästerer, noch Räuber werden das Reich Gottes erben“, und fügt dann hinzu: „Und solche sind etliche von euch gewesen“ (1Kor 6,9-11).

Gewesen – Vergangenheit. Mit anderen Worten: Die Anonymen Alkoholiker verkaufen eine Lüge. Sie behaupten, dass man sich letztlich nie ändern kann. Aber Gott sagt, dass es doch geht.

Und solche sind etliche von euch gewesen; aber ihr seid abgewaschen, ihr seid geheiligt, ihr seid gerechtfertigt worden in dem Namen des Herrn Jesus und in dem Geist unseres Gottes!“ (1Kor 6,11).

Es kann Veränderung geben. Ein Drogenabhängiger muss nicht immer ein Drogenabhängiger bleiben. Einmal Alkoholiker, nicht immer Alkoholiker. Es gibt immer Hoffnung auf Befreiung.

Wie können wir also in dieser wirren Welt biblisch über dieses Thema denken?

Den Menschen verstehen

Als erstes müssen wir den Menschen verstehen.

Eine Sache, die wir aus der Schrift wissen, ist, dass der Mensch von Natur aus abhängig ist. Gott hat ihn so geschaffen. Bereits von Anfang an wurden Adam und Eva so geschaffen, dass sie abhängig waren von Essen, Wasser und allem um sie herum.

Aber letztendlich wurde der Mensch in Abhängigkeit von Gott geschaffen. Selbst im Himmel werden wir vollkommen von Gott abhängig sein, aber dort wird es eine willkommene Abhängigkeit sein. Im Moment rebelliert der Mensch noch dagegen. Du kannst es in deinem Fleisch spüren; das Fleisch begehrt nach Unabhängigkeit von Gottes Souveränität.

Wenn ein Sklave stirbt, ist er endlich frei von seinem Herrn.

Um von der Sucht frei zu werden, muss der Süchtige sich selbst sterben.   

Der Mensch wurde in Abhängigkeit von Gott geschaffen, um Leben und Segen zu finden. Aber infolge des Sündenfalls verlangt es den Menschen nach Unabhängigkeit. Er möchte von nichts abhängig sein. Im Kern verlangt der Mensch danach, Gott zu sein. Der Mensch jagt der Autonomie nach wie ein Hund seinem Schwanz – immer im Kreis herum. Selbstverbesserungskurse, Beratungsgespräche und Life-Coaches spulen alle die gleiche Leier ab: „Du schaffst dein eigenes Leben; du bestimmst dich selbst; du definierst deine Identität; du machst, was du willst. Es liegt alles ganz an dir.“

Aber das ist einfach nicht wahr.

Der Mensch strebt nach Autonomie und Selbstgenügsamkeit, aber das ist ein unerreichbares Ziel. Der Mensch bleibt ein abhängiges Geschöpf trotz seiner Sünde. Was wird also aus ihm? Indem er Gott ablehnt, macht er sich von anderen Dingen abhängig. Diese Dinge werden zu den Götzen, die er Tag und Nacht anbetet.

Jeder erklärte Atheist hat Götzen. Warum? Weil jedes menschliche Herz für die Anbetung geschaffen wurde. Der Mensch muss etwas anbeten, sei es sich selbst oder seinen materialistischen Lebensstil. Er nimmt das, was er für das Wichtigste hält und beginnt, es wie einen Gott zu verehren. Dann wird er von diesen Dingen abhängig. Der Götze, auf den er vertraut und den er wie einen Schatz hütet, nimmt ihn dann nach und nach gefangen. Das ist das, was die Welt als ‚Sucht‘ bezeichnet.

Warum also werden Menschen abhängig von bestimmten Substanzen oder Vergnügungen? Sie werden abhängig, weil sie als abhängige Wesen geschaffen wurden. Jeder ist abhängig. Es hängt nur davon ab, wovon man abhängig ist.

Als nächstes möchte ich Versklavung definieren und erklären.

Definition: Versklavung

Also was bedeutet Versklavung? Versklavung ist eine Götzen-Beziehung zu einer stimmungsverändernden Erfahrung.

Die meisten Menschen, die heute Alkoholiker sind, mochten Alkohol nicht, als sie ihn das erste Mal probiert haben. Sie behielten diese Gewohnheit nur bei aufgrund dessen, was die Welt so liebevoll als Gruppendruck bezeichnet und die Bibel so treffend als Menschenfurcht charakterisiert. Mit anderen Worten: Ich fürchte mich davor, was die Menschen zu mir oder über mich sagen, wenn ich nicht mitmache, also gebe ich nach.

Aber schließlich, nachdem sie eine Weile lang getrunken haben, merken sie, dass der Alkohol einen den Stress und die Schwierigkeiten des Lebens vergessen lässt, auch wenn es nur für einen Moment ist. Ob es Antidepressiva oder Aufputschmittel sind, die Menschen werden schließlich von dieser drogenbedingten Realitätsflucht abhängig. Und dann werden sie versklavt.

Aber schau einmal auf die Person Christi, der im Moment Seiner größten Qualen Wein angeboten bekam, um den Schmerz der Kreuzigung zu dämpfen. Jesus lehnte ab, sodass Er nicht nur in geistlicher Hinsicht alle unsere Sünden auf sich nahm, sondern auch die qualvolle Erfahrung des Kreuzes erduldete im Vollbesitz Seiner Sinneskräfte.

Aber viele glauben, dass es ein natürliches Recht des Menschen sei, ständig angenehme Empfindungen zu haben. Das ist mein Recht; ich sollte mich immer gut fühlen. Und schließlich wird man dann diesem Gefühl versklavt – und man wird zum Sklaven.


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Erklärung: Versklavung

Jeder kann süchtig werden und alles kann zu einer süchtig machenden Substanz werden.

Alles, was auch nur ansatzweise angenehm ist, kann süchtig machen. Johannes Calvin schrieb: „Das menschliche Herz ist eine unaufhörlich arbeitende Götzenfabrik“. Jedes Verlangen, das wichtiger wird als ein Mann oder eine Frau nach dem Herzen Gottes zu sein, wird zu einem Götzen des Herzens. Jede Substanz, die angenehme Glückshormone im Gehirn auslöst, hat das Potential, einen zu versklaven. Es muss keine chemische Substanz sein; es kann eine Erfahrung sein. Das ist der Grund, warum es Sexsucht gibt. Diese Person wird von Empfindungen abhängig, einfach um seine Stimmung zu heben.

Die letztendliche Ursache der Sucht ist nicht die Substanz, sondern der Mensch.

Die letztendliche Ursache dieser Knechtschaft ist nicht die Substanz – es ist die Person. Es kommt aus dem inneren Menschen, von dem, was die Person glaubt und worin sie ihr Vertrauen setzt, von den Beweggründen ihres Herzens. Dort wird Sklaverei geboren.

In den Vereinigten Staaten zeigen Statistiken auf, dass mehr Alkoholiker von selbst mit dem Trinken aufhören als mithilfe spiritueller Gruppen oder spezieller Therapien. Das ist eine gravierende Aussage.

Wie ist das möglich?

Wenn ein Mensch doch so hoffnungslos süchtig nach einer Substanz war, wie kann er dann einfach aufhören? Weil er in seinem Herzen eine tiefere Motivation gefunden hat als seine Gefühle. Diese Menschen haben erkannt, dass diese Knechtschaft dabei war, ihre Ehe oder ihre Beziehung zu ihren Kindern zu zerstören. Was auch immer der Beweggrund sein mag, treibt sie jetzt dazu, „Nein“ zu ihrem Verlangen zu sagen. Wenn der natürliche Mensch das mit nichts als seiner persönlichen Willenskraft schafft, dann hat der Christ mit der bleibenden Kraft des Heiligen Geistes keine Ausrede. Aber die tiefere Motivation des Gläubigen darf nicht einfach nur die Ehe oder die Kinder sein, sondern sie muss sein, Christus auf bessere Weise zu dienen und zu verherrlichen.

Die Menschen haben mehr Kontrolle, als sie zugeben wollen.

Wenn eine Person die richtige Motivation bekommt, kann sie aufhören. Wie? Weil, wie gesagt, die Ursache der Sucht nicht in der Substanz liegt. Die Ursache der Sucht liegt im Herzen des Menschen.

Man mag vielleicht in der Lage sein, sein Verlangen nach einer Substanz oder Erfahrung zu kontrollieren oder zu dämpfen, aber man kann niemals das Herz abstellen. Das ist der Grund, warum viele Menschen zu Hilfegruppen gehen und von Drogen und anderen Substanzen runterkommen, aber das dann einfach nur durch eine andere Knechtschaft ersetzen, die gesellschaftsfähiger ist. So werden beispielsweise viele Alkoholiker zu Arbeitssüchtigen. Ihr Herz hat sich nicht geändert. Sie tauschen lediglich einen Götzen gegen einen anderen aus. Aber Gott möchte das Herz umwandeln.

Das Leben der Person konzentriert sich dann auf die Anbetung dieser Erfahrung.

Gott hat die Menschen als Anbeter geschaffen und jede Form der Anbetung, die nicht dem Gott des Himmels gilt, ist götzendienerische Anbetung.

Um die Götter des Drogen- oder Substanzmissbrauchs anzubeten, muss die Person bereit sein, ihnen zu opfern. Alles und jeder wird auf diesem Altar der Sucht dargebracht. Gott wird dann Seiner rechtmäßigen Anbetung beraubt und bekommt den zweiten Platz irgendwo in der Ferne.

Ein Götze kann uns zu Sklaven machen.

Paulus schreibt an die Gläubigen in Rom: „Wisst ihr nicht: Wem ihr euch als Sklaven hingebt, um ihm zu gehorchen, dessen Sklaven seid ihr und müsst ihm gehorchen, es sei der Sünde zum Tode, oder dem Gehorsam zur Gerechtigkeit?“ (Röm 6,16)

Jeder muss die Stimme seines Herrn befolgen. Das kann die physische Stimme eines Herrn sein, und wenn ihr nicht Gehorsam geleistet wird, hat das Konsequenzen. Oder es kann eine innere Stimme sein, die sagt: „Trink noch einen. Du musst.“ Wenn man ihr nicht folgt, hat das ebenfalls Folgen – Entzugserscheinungen.

Der Missbrauch von Suchtmitteln macht uns gefügig, sodass, wenn die körperlichen Impulse Befriedigung fordern, ihnen um jeden Preis Gehorsam geleistet werden muss. So funktioniert Sklaverei – ein Leben, das in den bedingungslosen Gehorsam gegenüber einem anderen verkauft wird. Wir hören die innere Stimme des Herrn rufen: „Diene mir, gib dich mir hin.“ Um frei zu werden, wirklich frei, muss etwas sterben. Wenn ein Sklave stirbt, ist er endlich frei von seinem Herrn. Um von einer Sucht frei zu werden, muss der Süchtige sich selbst sterben.

Jesus selbst sagt: „Wenn jemand mir nachkommen will, so verleugne er sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich täglich und folge mir nach“ (Lk 9,23). Sich selbst verleugnen, ist viel mehr als in der Fastenzeit auf Schokolade zu verzichten. Sich selbst zu verleugnen, heißt, sich wirklich selbst zu verleugnen.

Wie oft sollen wir das tun?

Jesus sagt: täglich. Und dann sagt Er, dass wir unser Selbst ans Kreuz nageln sollen. Im ersten Jahrhundert war das Kreuz ein fürchterliches Folterinstrument. Das Kreuz war nie für einen einfachen und kurzen Prozess gedacht.

Jesus sagt hier, dass du jeden Tag dein Selbst ans Kreuz nageln und dann kommen und Ihm nachfolgen sollst. Der süchtige Christ soll sich selbst als Sklave der Gerechtigkeit darstellen. Nicht länger ein Sklave seines schwachen Fleisches, sondern ein Sklave der Gerechtigkeit. Wir werden alle Sklaven von etwas sein, also warum nicht dem gnädigen Gott des Himmels dienen, anstatt den erbarmungslosen Göttern der Substanzen dieser Zeit, die nichts weiter tun werden, als unsere Beziehungen und unser Leben zu zerstören?

Gott aber sei Dank, dass ihr Sklaven der Sünde gewesen, nun aber von Herzen gehorsam geworden seid dem Vorbild der Lehre, das euch überliefert worden ist. Nachdem ihr aber von der Sünde befreit wurdet, seid ihr der Gerechtigkeit dienstbar geworden. Ich muss menschlich davon reden wegen der Schwachheit eures Fleisches. Denn so, wie ihr [einst] eure Glieder in den Dienst der Unreinheit und der Gesetzlosigkeit gestellt habt zur Gesetzlosigkeit, so stellt jetzt eure Glieder in den Dienst der Gerechtigkeit zur Heiligung. Denn als ihr Sklaven der Sünde wart, da wart ihr frei gegenüber der Gerechtigkeit. Welche Frucht hattet ihr nun damals von den Dingen, deren ihr euch jetzt schämt? Ihr Ende ist ja der Tod! Jetzt aber, da ihr von der Sünde frei und Gott dienstbar geworden seid, habt ihr als eure Frucht die Heiligung, als Ende aber das ewige Leben. Denn der Lohn der Sünde ist der Tod; aber die Gnadengabe Gottes ist das ewige Leben in Christus Jesus, unserem Herrn“ (Röm 6,17-23).


John Street

John ist Professor für Biblische Seelsorge an der The Master’s University und am The Master’s Seminary und Vorsitzender des M.A. Biblische Seelsorge. Er ist auch Ältester in der Grace Church und Co-Pastor der Joint Heirs Fellowship Group.