Die sieben „Sei“ der Auslegungspredigt

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Geschätzte Lesezeit: 5 Minuten

Nach der harten Arbeit der Exegese und der Ausarbeitung der Predigt, kann die Botschaft verkündet werden. Aber bevor du auf die Kanzel steigst, um zu predigen, erinnere dich an die folgenden generellen Richtlinien:

1. SEI VORBEREITET

Ich kann dies nicht genug betonen. Das Wort des lebendigen Gottes ist die Quelle unserer Botschaft und seine Wahrheit ist unerschöpflich. Es gibt einfach keine Entschuldigung dafür, wenn man mit leeren Händen auf die Kanzel tritt, ohne etwas Tiefgehendes, etwas Gehaltvolles oder einen tieferen Einblick zu haben – etwas, das man mit den Zuhörern teilen kann.

Mein Vater ist ein Ausleger und er hat eine Sache in meinen Schädel gehämmert: Es ist wichtig, sich vorzubereiten. Immer und immer wieder hat er mir gesagt: „Geh nie unvorbereitet auf die Kanzel. Und wenn du behauptest ‚die Bibel sagt…’, dann versichere dich so gut wie du nur kannst, dass sie es auch wirklich sagt.“ Eine mangelhafte Vorbereitung führt zu erbärmlichen Predigten, ist ein Angriff auf Gott und bringt schwache Gläubige hervor – keine Starken.

Oft fragen mich Leute, ob ich vor meiner Predigt nervös werde. Das passiert mir nur, wenn ich mir nicht sicher bin, was ich sagen soll. Wenn ich jedoch weiß, was ich sagen werde, dann werde ich nicht nervös – ganz egal, um welches Thema es sich handelt. Innere Ruhe und Gelassenheit stehen steht in einem direkten Zusammenhang mit der Vorbereitung.

Es betreten einfach zu viele Männer die Kanzel, ohne die Ergebnisse ihrer Studien und Exegese in eine Auslegungspredigt auszuarbeiten. Eine der Folgen ist, dass sie sich unsicher sind, wohin sich die Predigt entwickelt – sie hat einfach keinen Fokus. Und andere scheitern schon daran, dass sie nicht genügend Zeit in das Studium des Textes und die Vorbereitung der Botschaft gesteckt haben. Sei dir sicher, dass du dich gewissenhaft vorbereitet hast, bevor du die Kanzel betrittst, um Gottes heiliges Wort auszulegen.

Es ist sehr leicht, schwer verständlich zu reden. Rede einfach über ein Thema, mit dem du dich nicht auskennst, und schon verstehen deine Zuhörer genauso wenig wie du selbst.

Sie mögen vielleicht denken, dass deine Gedanken zu hoch für sie sind, aber das ist nicht wahr. Du hast dann schlicht und einfach dein Thema nicht richtig erfasst – ansonsten hätten es deine Zuhörer verstanden. Es ist sehr schwierig, sich klar auszudrücken – du musst dein Thema wirklich gut beherrschen.

2. SEI INTERESSANT

Hüte dich davor, Menschen mit der Bibel zu langweilen. Deine Predigt muss mehr enthalten als die offensichtlichen Dinge eines Abschnittes – die können die Leute auch ohne dich erkennen. Es gibt einen Weg, wie du es vermeiden kannst, nur das für jeden Offensichtliche zu predigen: Du musst harte Arbeit in deine Vorbereitung stecken. Vergewissere dich, dass dein Brunnen um einiges Tiefer ist als die Eimer deiner Zuhörer. Mache deine Predigten zu einem Abenteuer voller Entdeckungen für deine Zuhörer.

3. SEI BIBLISCH

Das Wort ist „lebendig und wirksam und schärfer als jedes zweischneidige Schwert, und es dringt durch, bis es schneidet sowohl Seele als auch Geist, sowohl Mark als auch Bein, und es ist ein Richter der Gedanken und Gesinnungen des Herzens.“ (Hebr. 4,12). Geschichten, Anekdoten, Parallelen oder Diskussionen zu aktuellen Ereignissen haben nicht die Kraft oder Autorität des Wortes Gottes. Die Kraft der Auslegungspredigt kommt aus dem Wort – und nicht daher, dass man das Wort zugunsten anderer Themen vernachlässigt.

4. SEI BETEND

Man kann alles gesagt und getan haben, man kann fleißig studiert und sich sorgfältig vorbereitet haben. Doch wenn wir nicht durch den Heiligen Geist bevollmächtigt sind, wird unser Predigen sinnlos sein. Ich habe einmal von einem gottesfürchtigen Pastor gelesen, der von dem Zeitpunkt an als er sein Büro verließ, bis zu dem Moment als er die Kanzel betrat, folgendes für sich wiederholte: „Ich glaube an den Heiligen Geist, ich glaube an den Heiligen Geist“. Er gestand sich ein, dass er absolut abhängig von der Kraft des Heiligen Geistes war.

Wir müssen unsere Predigten mit Gebet durchtränken. Ganz allgemein gesprochen, ist Gebet ein Lebensstil. Konkret bedeutet das für mich: Ich fange an, für die Predigt zu beten, sobald ich mit der Ausarbeitung der Predigt beginne. Und dann bete ich noch mal ganz speziell am Samstagabend für die morgige Botschaft – oft bis ich im Gebet einschlafe. Ich bete am Sonntagmorgen – zuerst in meiner eigenen stillen Zeit, dann mit einigen der Ältesten –, um so die Botschaft in Gebet einzuhüllen. Dann bete ich am Nachmittag direkt für die Botschaft am Abend. Danach habe ich eine Gebetszeit mit anderen Pastoren, bevor ich predige.

5. SEI BEGEISTERT

Wenn du dich selber nicht für das begeistern kannst, was du sagen möchtest, kannst du auch nicht erwarten, dass deine Zuhörer begeistert sein werden. Die Botschaft, die Gott dir gibt, sollte uns unter den Nägeln brennen – so dass wir predigen müssen, weil wir sie nicht für uns behalten können (vgl. Jer. 20,9). Wenn ich am Sonntag nach einer Woche voll von Studium und Vorbereitung die Kanzel betrete, dann bin ich begeistert über das, was ich sagen werde. Manchmal fragen mich Leute, wann ich anfange, meine Predigten vorzubereiten. Ich bereite mich jede Woche für den Sonntag vor. Daher stammt die Intensität meiner Predigten. Ich bin gepackt von den neuen Entdeckungen, die ich gemacht habe – dies ist der Grund für meine Begeisterung.

Vor einigen Jahren hatten wir eine besondere Weihnachtsveranstaltung in unserer Gemeinde. Ich fragte einen der Männer an meinem Tisch, wie lange er schon zur Gemeinde kam. „Ein Jahr lang“, antwortete er mir. „Und wie lange bist du schon Christ?“, fragte ich nach. Er antwortete mir, dass er kein Christ sei. „Warum kommst du dann?“, fragte ich. „Ich arbeite im Verkauf, und du wirkst do begeisternd, dass du mich für meine ganze Woche mit Kraft für meine Verkäufe aufpumpst.“ Ich erklärte ihm höflich, dass es in meinen Botschaften mehr gab als nur Begeisterung. Trotzdem war es angenehm, zu merken, dass ich nicht langweilig war. Es muss Begeisterung, Enthusiasmus und Intensität in unseren Predigten geben.

6. SEI AUTORITATIV

Predige mit Überzeugung. Die Bibel ist Gottes autoritatives Wort an den Menschen. Es hat einmal jemand folgendes angemerkt: „Gott gab uns nicht die Zehn Vorschläge; er gab uns die Zehn Gebote.“ Man könnte Autorität als „sanfte Zuversicht“ definieren. Wenn wir überzeugt sind das unsere Worte wahr sind, dann sollten wir sie auch mit Zuversicht und Autorität aussprechen. Wir sprechen von sanfter Zuversicht, weil wir nicht einem geistlichen Kommandeur gleichen dürfen, der seinen Zuhörern Befehle zubrüllt.

Predige in der zweiten Person. Sag „du“, und nicht „wir“ oder „jene“. Du bist Gottes Sprachrohr, also musst du auch direkt in deiner Wortwahl sein und „du“ gebrauchen.

Ich kann mich daran erinnern, dass das Los Angeles Police Department vor einigen Jahren einen Mann aus der Akademie entlassen musste, weil er eine schwache und hohe Stimme hatte. Sie hielten es nicht für angemessen, dass er anderen Menschen sagen sollte: „Sie sind verhaftet!“, da seine Stimme sich überhaupt nicht autoritativ anhörte. Wir müssen mit Überzeugung predigen, und die Menschen müssen es fühlen. So wie Paulus an Timotheus schrieb: „Verkündige das Wort… überführe, tadle, ermahne mit aller Langmut und Belehrung!“ (2.Tim. 4,2).

7. SEI PRAKTISCH

Vermeide es, indirekt, unklar oder kleinlich zu sein und benutze auch keine veralteten Illustrationen, mit denen die Leute nichts anfangen können. Zeige ihnen, wie die zeitlose Wahrheit des Wortes Gottes ihr alltägliches Leben berührt.

Echte Auslegungspredigt ist tatsächlich die effektivste Art, anwendungsbetont zu predigen. Wenn die Schrift richtig ausgelegt und vollmächtig gepredigt wird, nimmt der Geist die Botschaft und wendet sie auf die besonderen Bedürfnisse eines jeden Zuhörers an.

Ein Prediger sollte schon die generellen Prinzipien, die zur Anwendung führen, in seiner Auslegung aufzeigen. Aber er muss nicht zwingend eine Liste von konkreten Anwendungen anbieten, damit die Predigt eine lebensverändernde Auswirkung hat. Damit ist nicht gesagt, dass er nicht einige Anwendungen formulieren sollte. Aber wenn er dem Bibeltext vollen Raum gibt, werden weit mehr Anwendungen zustande kommen als der Prediger es vorher erahnen kann, weil der Heilige Geist das Wort nimmt und es auf jeden der Hörer anwendet.

Wenn Hunderte oder sogar Tausende anwesend sind, könnte es sein, dass der Ausleger mit seinen eigenen konkreten Vorschlägen die Bandbreite der möglichen Anwendungen für das Leben seiner Hörer einschränkt – ja, er riskiert sogar, dass einige Anwendungen komplett ausgeschlossen werden. Lieber sollte er sich darauf konzentrieren, seinen Hörern die richtige Bedeutung des Textes zu vermitteln und sich damit begnügen, generelle Prinzipien weiterzugeben. Dies stellt sicher, dass der Heilige Geist – der am allerfähigsten ist, dass Wort auf jedes Herz anzuwenden – seinen angemessenen Wirkungsraum bekommt, um in das Leben jedes Einzelnen zu reden.

Gottes großartiger und feierlicher Aufruf, sein Wort zu predigen, verlangt unser bestes Studium und unsere sorgfältigste Auslegung. Die „geistliche Nahrung“ aus Gottes Wort lässt unser Herz in der Gnade wachsen, daher müssen wir sicher sein, dass sie gut „zubereitet “ ist, bevor wir es einer Versammlung „servieren“. Und wir müssen das Wort in einer Art und Weise „servieren“, die seiner einzigartigen Autorität angemessen ist.


Aus: MacArthur, J. (1997, c1992). Rediscovering expository preaching (Pages 297-301). Dallas: Word Pub.

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