Wenn geistliche Leiter Warnsignale ignorieren

Geschätzte Lesezeit: 4 Minuten

In regelmäßigen Abständen erschüttern Meldungen über den Fall eines geistlichen Leiters die Christenheit wie unvorhersehbare Erdbeben. Viele fragen sich: „Wie konnte das passieren?“ oder sagen: „Das hätte ich ihm nie zugetraut!“. 

Integrität verliert man nicht über Nacht

Es ist naiv zu denken, dass man Integrität über Nacht verliert. Wenn ein Mann fällt, dann fällt er nicht weit. Das bedeutet, dass ernsthafte Verletzungen der Integrität eines Leiters nicht in einem Vakuum geschiehen. Männer, die durch die Gnade Gottes ein Verhaltensmuster moralischer Wahrhaftigkeit entwickelt haben, werden nicht plötzlich von einer Lebenslüge oder Heuchelei verführt. Diese Art von Verrat keimt über einen gewissen Zeitraum hinweg langsam im Herzen auf und ihr geht eine Menge von kleineren, praktisch unentdeckten Kompromissen voraus. 

Wenn dann der Skandal eines geistlichen Leiters ans Licht kommt, handelt es sich weniger um einen Sturz, als lediglich um einen letzten kleinen Schritt im gesamten Prozess. Viele sind sich dessen nicht bewusst, aber der Fall Davids in Ehebruch bis hin zu der Bereitschaft einen Mord zu begehen vollzog sich nicht von heut auf morgen. Was zunächst wie ein großer „Absturz“ aussah, war lediglich das nächste Glied in einer Verkettung von sündhaftem Verhalten. 

Wenn dann der Skandal eines geistlichen Leiters ans Licht kommt, handelt es sich weniger um einen Sturz, als lediglich um einen letzten kleinen Schritt im gesamten Prozess.

Integrität bedeutet, dass man einen makellosen moralischen Charakter aufweist – sowohl öffentlich als auch dann, wenn sonst niemand zugegen ist. Doch leider können Leiter sehr geschickt darin sein, schlechte Verhaltensmuster zu kaschieren, indem sie sich hinter ihren Titel und Positionen, hinter ihrer wichtigen Tätigkeit und der Ausrede von zu viel Arbeit verstecken. Schließlich überzeugen sie sich sogar selbst von ihrer eigenen ‚Unbesiegbarkeit‘, bis ihre Heuchelei eines Tages ganz überraschend durch einen Skandal ans Licht kommt. 

Wenn ein geistlicher Leiter dann die Maske fallen lässt und Gottes Kinder gezwungen sind, sich mit dem Scherbenhaufen auseinanderzusetzen, kommt es oft zu der Einsicht, dass bestimmte ‚Warnsignale‘ übersehen wurden, die einen Hinweis darauf gaben, dass die Integrität bereits zuvor angeschlagen war. 


Buchempfehlung:

Tapfere Gemeindemänner
Jerry Wragg

In diesem Buch legt Jerry Wragg dar, wie Leitung in der Gemeinde aussehen sollte und inwiefern sich biblische Leiterschaft von der Art von Leiterschaft, wie sie in der Geschäftswelt propagiert wird, unterscheiden muss.

 


Spurgeons Worte sind bis heute brandaktuell:

„Wenn wir von einem Mann hören, der seinen Charakter durch eine überraschende törichte Handlung zerstört hat, können wir in der Regel davon ausgehen, dass diese Dummheit nur einer von vielen Schwefelaussstößen aus einem mit vulkanischem Feuer angestauten Erdreich ist; oder mit einem anderen Bilde ausgedrückt, lediglich ein brüllender Löwe aus einer ganzen Höhle wilder Tiere.“[1] 

Das Gewissen ist dein stärkstes Warnsignal 

In der Seismologie verwendet man einen Seismographen, um größere Erdbeben vorauszusagen. Wenn diese Erschütterungen ignoriert werden, dann trifft das Erdbeben ganz unerwartet. In gewisser Weise funktioniert das Gewissen wie ein Seismograph, der Sünde anzeigt. 

Ein Herz der Integrität wird dadurch geprägt, dass man anstrebt, sein Gewissen rein zu halten. Bei unserem Gewissen handelt es sich um den gottgegebenen inneren Mechanismus, der uns dazu bewegen soll, aufrichtig zu sein. Wie ein innerer Rechenschaftspartner fungiert es als Zeuge in unserem Herzen und Sinn, um unsere Handlungen entweder zu „verklagen oder auch [zu] entschuldigen“ (Röm 2,15). Wenn wir das Gewissen mit biblischer Wahrheit schärfen, beauftragen wir es somit, uns gegenüber der Norm der Schrift angemessen zur Verantwortung zu ziehen. Dabei ist zwar das Gewissen selbst nicht unser Maßstab, doch wenn es rein gehalten wird, wird es zu einem effektiven Werkzeug der Integrität, indem es uns auf den einen großen, unbeweglichen Maßstab hinbewegt – nämlich zu dem Wort Gottes. 

Wenn ein Leiter die Rufe des Gewissens ignoriert, ist große Gefahr im Verzug. Jedes Urteilsvermögen geht verloren, es kommt zum aggressiven Aufblühen des Stolzes und der Selbstbetrug gerät außer Kontrolle. Der junge Pastor Timotheus wurde vom Apostel Paulus ermahnt, „ein gutes Gewissen“ zu bewahren (1Tim 1,19), indem dieser auf Hymenäus und Alexander als zwei Zeitgenossen verwies, die regelmäßig die Überzeugungen verletzten, die sie auf selbstgefällige Weise beteuerten (1Tim 1,20). Paulus wusste, dass ein unaufrichtiger Glaube und ein abgestumpftes Gewissen nicht nur zu „unnützem Geschwätz“ führen würde (1Tim 1,6–7), sondern schlussendlich auch zum Schiffbruch führen würden: 

Dieses Gebot vertraue ich dir an …, damit du … den guten Kampf kämpfst, indem du den Glauben und ein gutes Gewissen bewahrst. Dieses haben einige von sich gestoßen und darum im Glauben Schiffbruch erlitten (1Tim 1,18–19). 

Paulus macht unmissverständlich klar, dass geistlicher Schaden die Folge ist. Jedes Mal, wenn unser Gewissen „Alarm schlägt“, haben wir die Wahl, seinen Einfluss verstummen zu lassen oder die Lautstärke hochzudrehen. Sofortiger Gehorsam schärft die Klarheit des vertrauten Klangs der Wahrheit und versetzt unsere Sinne in Alarmbereitschaft. Je mehr wir gehorchen, umso größer ist die Bestätigung, dass wir ehrlich und aufrichtig sind. Ein gutausgebildetes Gewissen, das auf die Wahrheit sensibel reagiert, wird uns nicht ruhen lassen, wenn wir mit einem falschen Kompromiss liebäugeln. 

Wenn wir, anstatt vor der Sünde entschlossen zu fliehen, die Wahrheit unterdrücken, indem wir rationalisieren und falsche Kompromisse eingehen, wird ein auch noch so klares Signal von Recht oder Unrecht alsbald verklingen. Wenn man diesen Vorgang oft genug wiederholt, wird bald überhaupt keine Glocke der Wahrheit mehr erklingen! Was anderen als ein treues Leben erscheint, wird sich lediglich als Stille vor dem Sturm erweisen. Zeit und Wahrheit gehen stets Hand in Hand und die kleinen, scheinbar unbedeutenden Kompromisse von heute werden die Entschlusskraft von morgen untergraben. 

Lies kommende Woche weiter, wie du ein Leben der Integrität entwickeln und aufrechterhalten kannst, um für die Wahrheit sensibel zu bleiben. 

[1] C. H. Spurgeon, An All-Round Ministry, 137 

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