Herausfordernde Geschwister in der Gemeinde sind beabsichtigt

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Herausfordernde Geschwister in der Gemeinde sind normal – und sogar beabsichtigt

Hast Du es in Deiner Gemeinde schon einmal erlebt, dass Geschwister wegen der Farbe für die Dekoration oder auch über Themen wie z.B. den exakten Ablauf endzeitlicher Geschehnisse in offenen Streit geraten sind? Bist Du manchmal müde über die vielen Geschwister, die mit Unversöhnlichkeit kämpfen? Wünschst Du dir manchmal mehr „erfolgreiche Gutverdiener“, mit denen Du dich über Themen aus Geschichte und Politik gut unterhalten kannst? Oder fragst Du dich, warum bei vielen der Jüngerschaftsprozess so zäh ausfällt und scheinbar die gleichen Dinge wieder und wieder gelehrt bzw. eingeübt werden müssen?

Problematische Charaktere sterben nicht aus

Insbesondere in den letzten von Corona-Diskussionen geprägten Monaten musste ich oft denken, wie viele Gläubige (und nicht selten auch Leiter) in diesem Zusammenhang unserem Herrn Jesus wirklich keine Ehre gemacht haben. Ich denke dabei gar nicht an konkrete theologische Positionen oder konkrete Verhaltensweisen in der Corona Zeit, sondern vielmehr an die Lieblosigkeit und die Selbstherrlichkeit, mit der häufig die Auseinandersetzungen über die unterschiedlichen Positionen zu Corona geführt wurden. Jakobus erinnert uns am Ende seines dritten Kapitels daran, dass die Weisheit von oben als erstes rein, sodann friedvoll, milde, folgsam, voller Barmherzigkeit und gute Früchte, unparteiisch und ungeheuchelt ist (Jak 3,17). Leider ist uns nach meiner Einschätzung diese Art von Weisheit in den Auseinandersetzungen der letzten Monate recht selten begegnet. Die Weisheit, die in diesen z.T. auch öffentlich geführten Diskussionen zum Vorschein kam war nicht selten eher von Eigennutz und Eifersucht geprägt (Jak 3,14-15). Also war und ist oft nicht Corona das Problem, sondern der Charakter der Meinungsführer bzw. der Geschwister in der Gemeinde.

Warum so viele herausfordernde Geschwister ausgerechnet in der Gemeinde?

Schaut man sich also die nicht enden wollenden seelsorgerlichen Herausforderung an oder schaut man sich an, wie wenig die Gemeinde in den letzten Monaten die Weisheit und damit den Charakter unseres Herrn und Friedefürsten reflektiert hat, dann könnte man fast innerlich ein wenig resignieren und zu dem Schluss kommen, dass die Zustände in der Gemeinde fast schlimmer sind als draußen in der Welt. Natürlich ist dem nicht so, aber der Apostel Paulus klärt uns am Ende seines ersten Briefs an die Korinther über einen sehr interessanten Zusammenhang auf, über den meines Wissens nach nur sehr selten gepredigt oder gesprochen wird:

Seht doch eure Berufung an, ihr Brüder! Da sind nicht viele Weise nach dem Fleisch, nicht viele Mächtige, nicht viele Vornehme; sondern das Törichte der Welt hat Gott erwählt, um die Weisen zuschanden zu machen, und das Schwache der Welt hat Gott erwählt, um das Starke zuschanden zu machen; und das Unedle der Welt und das Verachtete hat Gott erwählt, und das, was nichts ist, damit er zunichtemache, was etwas ist. – 1 Kor 1,26-28

Paulus beobachtet, dass es unter den Korinthern sehr wenige gab, die sich durch Intelligenz, Einfluss oder eine vornehme Abstammung hervortun konnten. Man könnte es auch noch etwas drastischer formulieren: das Rohmaterial, aus dem der Herr Jesus seine Gemeinde baut, ist in der Regel vom Ausgangsmaterial her alles andere als attraktiv, noch nicht einmal nach weltlichen Standards. Ganz im Gegenteil, gerade das, was in der Welt nichts zählt, hat Gott auserwählt: Wenn man beim Vers 26 stehen bleiben würde, könnte man noch argumentieren, dass Gott halt wenig außergewöhnliche, sondern in der Regel nur gewöhnliche Menschen in seine Gemeinde berufen hat. Doch in den folgenden Versen 27 und 28 wird Paulus noch deutlicher: In der Regel beruft Gott offenbar ganz bewusst Menschen in die Nachfolge, die nach menschlichem Standard nicht attraktiv sind, irgendwo sozusagen einen Makel haben. Bitte erlaubt mir einen drastischen Vergleich: Im Handel würde man es „zweite Wahl“ nennen, oder in der Industrie „Ausschuss“. Und wenn an dieser Stelle jemand einhaken will und anmerkt, dass das doch nur für die Korinther, aber doch nicht allgemein für die Gemeinde Jesu gilt, dem sei gesagt, dass Gott diesem Prinzip bereits bei der Auswahl seines Volkes Israel folgte (5Mo 7,7).

Das Motiv unseres Herrn legt Paulus in diesem Zuge auch gleich offen: „damit sich vor Gott kein Fleisch rühme“ (Vers 29). Wenn der Herr aus gewöhnlichen Menschen Männer und Frauen prägt, die seinem Sohn Jesus Christus ähnlich sind, so ist das bereits etwas absolut Außergewöhnliches, etwas Erhabenes. Wenn der Herr aber ganz bewusst „etwas tiefer greift“ und sich für die Jüngerschaft gezielt nach denen ausstreckt, die in der Welt sogar verachtet, belächelt oder verspottet werden, dann macht das unserem Herrn einfach noch mehr Ehre. Im Verlauf oder zum Ende eines solchen Veränderungsprozesses gibt es nur noch einen, den man dann ganz offensichtlich rühmen kann und rühmen muss: den Herrn der Gnade (1Kor 1,31).

Seine Gedanken sind nicht unsere Gedanken

Was hat das nun mit Seelsorge zu tun? Nun, wir alle wissen, dass die Prinzipien wie auch die Ziele der biblischen Seelsorge sich mitnichten von denen der Jüngerschaft unterscheiden. Als Seelsorgerinnen und Seelsorger, die sich häufiger um die etwas schwierigeren Fälle in der Gemeinde kümmern, stehen wir in einer Reihe mit allen anderen Geschwistern der Gemeinde, die darum bemüht sind bzw. sein sollten, ihrem Nächsten auf seinem Weg zur Christusähnlichkeit durch Jüngerschaft zu helfen. Und nach dem Brief des Apostels Paulus hier an die Korinther müssen wir zu dem Schluss kommen, dass es offensichtlich ganz normal ist, dass das Ausgangsmaterial, mit dem wir es in der Jüngerschaft und Seelsorge zu tun haben, offensichtlich etwas „unter dem Standard“ liegt. Dass uns in der Gemeinde problematische Menschen begegnen ist nicht nur normal, dies entspricht der Absicht und dem Plan Gottes.

Wenn wir versucht sind, in der Seelsorge über die nicht enden wollenden, immer wiederkehrenden Probleme zu klagen, dann ist es unerlässlich, dass wir den gleichen Blick auf die Arbeit entwickeln bzw. bewahren, den auch der Herr selbst hat. Es ist kein Zufall, dass das „Rohmaterial“, aus dem der Herr Jesus Männer und Frauen nach seinem Bilde schaffen möchte, in der Regel etwas problembehafteter ist als der Durchschnitt, sogar oder gerade im Vergleich mit der Welt. Das ist keinesfalls ein Systemfehler, sondern nach Gottes Plan Teil des Programms, und damit völlig beabsichtigt (2Tim 1,9).

Gottes Weisheit ist größer – und für uns heilsam

Wenn wir im Dienst versucht sind zu stöhnen ob der schier unerträglichen Last von Problemen, die uns in der Jüngerschaft und Seelsorge fortlaufend begegnen, so haben wir ohne Frage einen Christusgemäßen Charakter nötig, der dem Ratsuchenden mit Liebe, Freude, Friede, Langmut, Freundlichkeit, Güte, Treue und Sanftmut begegnet. Und um diese Charaktereigenschaften unseres Herrn klar vor Augen zu haben sollten wir immer wieder zurück ans Kreuz schauen, und dort unsere eigene Berufung erkennen (Gal 6,14), dass wohl auch wir selbst zu diesem Rohmaterial gehören, das unter dem Standard der Welt liegt und das der Herr in seine Nachfolge berufen hat, um etwas Schönes daraus zu machen, für Ihn zum Wohlgeruch (Eph 5,2). Und den gleichen Blick sollten wir auch auf unsere Geschwister und Ratsuchenden haben. Ganz ähnlich wie beim Volk Israel ist es kein Zufall – und eben auch kein Unfall –, dass wir so viele Menschen in der Gemeinde haben, die zunächst einmal recht anstrengend erscheinen, mit wenig Weisheit daherkommen und auch in der Welt nicht besonders anerkannt sind.

Als Seelsorger darfst du in der ersten Reihe vor der Bühne Gottes sitzen (Eph 2,8-10) und mitansehen, wie der Herr aus unattraktiven Rohmaterial etwas Herrliches formt, indem Männer und Frauen das Wesen unseres Herrn Jesus schrittweise anziehen, damit beide, Ratsuchende wie Seelsorger, am Ende nur noch den rühmen, dem alle Ehre gebührt: unserem Herrn Jesus Christus, der uns Weisheit, Gerechtigkeit, Heiligkeit und Erlösung geworden ist (1Kor 1,30-31; Jer 9,22-23).

Fragen zur Reflektion

Warst Du schon einmal versucht, über die vielen herausfordernden Geschwister, über die nie enden wollende Last in der Seelsorge missmutig oder gar bitter zu werden? Machst Du dir bewusst, dass es zum Programm Gottes gehört, sich durch eben solche Menschen zu verherrlichen, indem er sie in das Bild seines Sohnes formen möchte? Bist Du dir bewusst, dass Gott mit Dir einen vermutlich ebenso speziellen Charakter in sein Reich berufen hat, um an Dir die ganze Größe seiner Gnade zu zeigen?

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