Die Grundlagen der Auslegungspredigt · Teil 2

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Geschätzte Lesezeit: 5 Minuten

Wie erarbeite ich eine Auslegungspredigt“? – Die „Predigtpyramide“

In diesem Teil geht es um die grundsätzliche Vorgehensweise: wie kommt ein Prediger vom Bibeltext zu einer Predigt in einer bestimmten Gemeinde(situation)? Hier soll die „Predigtpyramide“ von Nutzen sein.

#1 VORBEREITUNG. Die persönliche Vorbereitung des Predigers.

  • Erst muss das Wort an mir selbst arbeiten, bevor es durch meine Predigt an anderen wirkt. Deshalb muss Buße zur Vorbereitung gehören, Demut vor Gott.
  • Demut vor dem Wort fordert von uns, dass wir das Wort versuchen ohne Vorurteile zu lesen. Natürlich bringt jeder stets seine theologischen Überzeugungen mit ins Studierzimmer. Aber wir müssen bitten, dass unsere Überzeugungen vom Text geprägt werden, denn das Wort ist die Wahrheit, nicht unsere Theologie: „Bist du willig, deine Theologie (Presuppositionen) vom Text korrigieren zu lassen, oder bist du festgefahren?“
  • Dies wird sehr deutlich in der alten Streitfrage „Gottes Souveränität und menschlicher freier Wille“! Eph. 1,4 (beachte V. 3–5) redet klar davon „wie er uns auserwählt hat in ihm vor Grundlegung der Welt“. Gefällt mir das nicht, definiere ich um, was dort unter Auserwählung gemeint sei, damit meine vorgefasste Theologie „gerettet“ wird. Was ist wirklich das Problem: Verstehst du nicht, was dasteht, oder: Liebst du nicht, was dasteht? In letzterem Fall fehlt die Demut vor dem Wort. Der Text in Eph. 2 liefert eine sehr herausfordernde Darstellung des geistlichen Zustands des natürlichen Menschen: er ist geistlich gesehen tot. Notwendiger Weise bedarf es im Heil unbedingt der Gnade und Initiative Gottes, keine Mensch kann selbst Heilsentscheidendes oder Heilsverdienendes tun. Dies erklärt auch die Notwendigkeit der vorhergehenden persönlichen Erwählung eines jeden zu Rettenden durch Gott.
  • Schütze deine Vorbereitungszeit. Zeit freistellen, Ablenkungen abschaffen, Konzentration ermöglichen (Tageskurve). Kopfhörer aufsetzen. In ein Café setzen. Es braucht Zeit. Keine Abkürzungen möglich. Es gibt keine gute Samstagabend-Predigt Marke „Saturday night special“.

#2 BEOBACHTEN. Analysiere den Inhalt des Textes (Das Was?)

  • Zentrale Frage: Was steht wirklich da? Hilfsmittel: Syntax, Wörterbücher usw.
  • Beispiel: Eph. 4,17-19: Obwohl hier der Lebenswandel kritisiert wird, ermahnt Paulus dann nicht sogleich mit Anweisungen für den Lebenswandel, sondern sagt: „Ihr aber habt den Christus nicht so gelernt, wenn ihr wirklich ihn gehört habt und in ihm gelehrt worden seid, wie die Wahrheit in dem Jesus ist“ (V. 20). Christus wird zuerst vor die Blicke gestellt, erst dann redet Paulus vom „Lebenswandel“.
  • Beispiel: Phil. 2,5-10. Vers 9 sagt, dass Jesus einen Namen bekommen hat (V. 9), ist dieser Name „Jesus“ (V. 10)? Nein, es ist ein Possessiv-Genitiv: „Jesu Name“, „der Name des Jesus“. Was der Name ist, steht in V. 11: „Herr“. Man sieht: Jedes Wort spielt eine Rolle, Grammatik ist unverzichtbar, denn sie erklärt die Beziehung und Bedeutung der verwendeten Worte!
  • Beispiel: Joh. 3,16. Der Satz beginnt mit „Denn“, also ist es ein untergeordneter Satz. Wir müssen V. 15 (und weiteren Kontext davor) kennen, um V. 16 zu verstehen!
  • Beispiel: Eph. 2,8. Satz beginnt mit „Denn“. Auch hier erkennen wir die Bedeutung des Verses nicht, wenn wir nicht den Kontext davor beachten.
  • Ergänzungsfrage: Was sagt der Text NICHT? Was steht nicht da? Du kannst den Text niemals „zu gut“ kennen!

#3 STRUKTUR. Lege die Struktur des Textes offen (Das WIE?)

  • Identifiziere den Texttypus (Genre): Jede große Literaturgattung (Genre) hat ihre eigene typische Struktur. Zu den Genres gehören u.a.: Geschichtstexte, Narrative, Prophetie, Poesie, Rechtstexte, Weisheitssprüche, Evangelien, Apostelgeschichte, Lehrbriefe.
  • Erkenne die Satzstruktur: Subjekt, Prädikat, Objekt. Wortformen/Flexionen. Grammatische Struktur, Wortbeziehungen. Alles ist wichig!
  • Erkenne die Geschichtsstruktur. Historische Texte haben Erzählstruktur, oft aneinander gereihte Dialoge, verbunden vom Erzähler. Manchmal gibt der Erzähler die Bewertung Gottes dazu, manchmal nicht.
  • Erkenne die theologische Struktur. Beispiel: 1.Pet. 1,1-2: alle drei Personen der Trinität werden hier genannt. Ein abgeleitetes Thema könnte lauten: „Wie der dreieinige Gott in der Errettung zusammenwirkt“.
  • Identifiziere die Stilmittel (die „kleine Literaturgattung“): Ironie, Übertreibung, Parallelismus, bildliche Rede usw. sind normale (also „literale“) Elemente der Sprache und müssen als solche erkannt und verstanden werden, wenn man den richtigen Sinn angeben will.

#4 ABSICHT. Erfasse die ursprüngliche Absicht des Textes (Das WOZU? WARUM?)

  • Schreibabsicht. Der Text kann heute niemals etwas bedeuten, was er nicht schon beim ursprünglichen Autor bedeutet hat, lehrt Walter Kaiser.
  • Literalsinn. „Wortwörtlich“ (besser: „literal“) bedeutet: unter Verwendung der literarischen Mittel. Bildhafte Sprache muss auch bildhaft verstanden werden. Übertreibung als Übertreibung (usw.).
  • Beispiel Eph. 5: „Paulus instruierte die Epheser, dass sich Ehe und das Evangelium einander veranschaulichen.“

#5 ZEITLOSE WAHRHEIT. Identifiziere die zeitlose Wahrheit.

  • Dies ist der „Gipfel“ der Pyramide, hier wendet sich der Blick vom Text auf die aktuellen Hörer! Von der „Textauslegung“ geht es nun zur „Zuhörerauslegung“. Dabei werden Textinhalt, Textstruktur und Textabsicht umformuliert in (umgekehrt angeordnet) Predigtabsicht, Predigtstruktur und Predigtinhalt. Beide „Seiten der Pyramide“ entsprechen einander.
  • Die „zeitlose Wahrheit“ ist eine Wahrheit, die sowohl damals wie heute gilt. Deshalb kann, darf und muss man sie auch heute predigen.
  • Beispiel für „zeitlose Wahrheit“ in Eph. 5,22-33: Frau und Mann „ist wie“/ „wird vorgeschattet von“ Gemeinde und Christus. Das galt im Garten Eden, zur Zeit Jesu, zur Zeit des Apostels Paulus, das gilt auch heute.

#6 PREDIGTABSICHT. Bestimme die Absicht der Predigt.

  • Beispiel Eph 5,22-33: Ich will, dass meine Zuhörer verstehen, dass ihre Ehe ein Abbild der Beziehung zwischen Christus und der Gemeinde sein soll.
  • Predigtabsicht: „Ich werde meiner Gemeinde zeigen, dass…“

#7 PREDIGTSTRUKTUR. Bestimme die Struktur der Predigt.

  • Beispiel: Eph. 5,22-33 „Es gibt zwei Arten, wie das Evangelium und die Ehe einander illustrieren. Erstens: liebevolle Leiterschaft. Zweitens: liebevolle Unterordnung.“
  • Aus Predigtabsicht und Predigtstruktur ergibt sich die Predigt-Proposition. Sie liefert das Thema der Predigt (Um was geht es?) und nennt Anzahl und Art der Punkte, wie das Thema im Bibeltext entwickelt wird.

#8 PREDIGTINHALTE. Synthetisiere den Inhalt der Predigt.

  • Das alte Predigerproblem: Zu viel „Stoff“! Es ist wie für einen Vater von 11 Kindern, der ins Disneyland fährt, aber in seinem Auto nur 5 mitnehmen kann. Welche lässt du zuhause? Was nimmst du mit in die Inhalte der Predigt, was lässt du außen vor?
  • Was ist essentiell für eine Predigt?
    Einleitung zum Thema hin (zuletzt schreiben!)
    Gliederung/Struktur („Punkte“)
    Illustrationen, Beispiele
    Guter Schluss
  • Vorgehensweise:
    Bibeltext und Predigttext samt Beispiele entlang der Gliederung anordnen
    Ausarbeitung der Punkte
    Alles verschleifen und „rund“ machen (gute Überleitungen!)
    Passende und packende Einleitung schreiben

#9 PERSÖNLICHE EINVERLEIBUNG. Persönliche Anwendung für die eigene Seele.

  • Niemand kann gut anderen eine Predigt halten, wenn er ihr keine Chance gegeben hat, an seiner eigenen Seele wirken zu können.
  • Letzte Predigtvorbereitung am SO-Morgen in ungestörter Umgebung, evtl. letzte Anmerkungen usw.

Praktische Übungsaufgabe

In den Kleingruppenübungen wurden verschiedene Texte vorgegeben. Jede Gruppe kam zu unterschiedlich formulierten Ergebnissen, wichtig war jedoch, dass alle klar aus dem Text heraus abgeleitet waren. Hier eine Übersicht der studierten Texte:

  • Kolosser 1,28-29 „Sechs Elemente einer biblischen Dienstphilosophie eines Pastors“
  • 3. Mose 10,1-3 „Drei Gefahren sorglosen Umgangs mit Gott“
  • Römer 8,28f „Sieben Konsequenzen eines Lebens unter der Vorsehung Gottes“
  • Markus 1,14-20 „Vier erstaunliche Merkmale am Anfang des Dienstes Jesu“

[Zurück: Die Grundlagen der Auslegungspredigt · Teil 1]


Dies ist ein Auszug der Pre-Konferenz 2018 zu dem Thema „Auslegungspredigt“ mit Rick Holland. Die Aufnahmen der gesamten Konferenz können hier erworben werden.

Der Lehrgang „Auslegungspredigt“ widmet sich diesem Thema über einen Zeitraum von zwei Jahren, intensiv aber berufsbegleitend. In den einzelnen Fächern dieses Lehrgangs werden nicht nur die einzelnen Bereiche umfassend behandelt, sondern praktisch umgesetzt und beurteilt. Wenn du Interesse an diesem Lehrgang hast kannst du gerne an einem Wochenende als Gastschüler teilnehmen oder dich gleich bewerben.

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