Drei Dimensionen pastoraler Fürsorge

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Dass ihr doch ein wenig Torheit von mir ertragen könntet! Doch ertragt mich auch! Denn ich eifere um euch mit Gottes Eifer; denn ich habe euch einem Mann verlobt, um euch als eine keusche Jungfrau dem Christus darzustellen. Ich fürchte aber, dass etwa, wie die Schlange Eva durch ihre List verführte, so euer Sinn verdorben und abgewandt werde von der Einfalt gegenüber dem Christus.“ – 2. Korinther 11, 1–3

Dr. Rick Holland, seit 2011 Senior Pastor in der Mission Road Bible Church (Kansas City, USA) gehört zu den langjährigen Förderern des EBTC und zu den Hauptrednern der Hirtenkonferenz. Er unterrichtet seit einigen Jahrzehnten Auslegungspredigt und bildet Männer zum Ältestendienst aus.

Drei Dimensionen pastoraler Fürsorge (2. Korinther 11, 1–3)

Er kennt daher auch eines der Zentralprobleme eines Ältesten (Hirten, Pastors) in unserer Zeit: die vielfältigen Ablenkungen von dem, was wir „eigentlich“ tun sollten. Die scheinbar allgegenwärtigen sozialen Medien und Smartphones verändern unsere Konzentration und Denkfähigkeit. Sie lenken uns oft vom Wesentlichen ab, sind teilweise schon Hauptursache für Unfälle.

Schon in der griechischen Mythologie war es der betörende Gesang der Sirenen, der vorüberfahrende Seeleute fast unwiderstehlich anlockte, um sie von ihrem Kurs abzubringen und letztlich zu töten. Rick Holland berichtete, wie auch in seiner christlichen Gemeinde die Gefahr und Not der Ablenkung und Zerstreuung ernsthaft diskutiert wird.

Nur wer das Ziel, den Kernpunkt, seiner Aufgabe kennt und anpeilt, kann die Randthemen und Ablenkungen erkennen und abwehren.

So ist es für den Hirten (Pastor) heute umso notwendiger geworden, sich wieder zu vergegenwärtigen, was der Kern und Rahmen der Hirtenaufgabe in der Gemeinde ist. Dies umriss Rick Holland anhand des Leittextes mit drei „Dimensionen“:

Dimension Eins: Die Intensität der pastoralen Fürsorge

Vers 3 des Leittextes beginnt mit „Ich fürchte aber“. Der Kontext erklärt, um welche Sorge es dem Apostel Paulus hier geht. In der damaligen Kultur war es größte Ehre und Sorge des Vaters, die sexuelle Reinheit seiner verlobten Tochter bis zu ihrer Vermählung zu beschützen. Dieses Bild einer verlobten, jungfräulichen Braut und ihrem Bräutigam wird in Vers 2 auch auf das Verhältnis der Gemeinde Christi zu Christus angewandt: „Ich habe euch einem Mann verlobt, um euch als eine keusche Jungfrau dem Christus darzustellen.“ Das Wort „einem“ wird im Grundtext betont, es ist nicht irgendeiner oder mehrere, sondern der Eine. Diese Sicht auf die Gemeinde und ihre ungeteilte, reine Hingabe an Christus gehört zum ABC der Ekklesiologie, zum rechten Verständnis, was Gemeinde Jesu Christi ausmacht.

Pointiert stellte Rick Holland fest: „Paulus war kein Hyper-Calvinist!“, der meint, alle Pläne Gottes seien ja schon göttlich festgelegt und bedürften daher nicht mehr des Eifers und der Hingabe des Menschen. Vielmehr steckte Paulus seinen väterlichen Eifer, seinen gesamten Einsatz, seine Ehre und sein Leben in seine pastorale Fürsorge hinein. Er wollte dies wie einen äußerst kostbaren Schatz unbedingt bewahren, und sowohl Feinde als auch falsche Lehrer abwehren. Damit stand er im Kugelhagel offener und versteckter Angriffe auf sein Leben, seinen Charakter, seinen Ruf und seine Verkündigung. Rick Holland zeigte anhand von einigen Textpassagen im 2. Korintherbrief auf, wie das Leben und Kämpfen des Apostels Paulus für die Gemeinde beredtes Zeugnis von seinem Eifer ablegte und ihn letztlich sein Leben kostete.

Die herzerforschende Frage für jeden Hirten der Gemeinde ist: Und wie intensiv ringst und kämpfst du um den reinen Sinn, den reinen Glauben der dir Anvertrauten?

Um diesen geistlichen Kampf richtig und erfolgreich zu kämpfen, muss man wissen, wie der Gegner arbeitet und welche Waffen er einsetzt. Dies führt zur nächsten Dimension:

Dimension Zwei: Der Urtypus der pastoralen Fürsorge

Um das Urbild der Gefahr für die Gemeinde klar zu stellen, deutet Paulus im Vers 3 des Leittextes auf das Geschehen der Urverführung in 1. Mose 3: „wie die Schlange Eva durch ihre List verführte“. Rick Holland beobachtet hier zwei Ebenen der Argumentation: Erstens erkennt man deutlich, dass der Apostel Paulus die Bibel auch in 1. Mose 3 als göttlich inspirierten Bericht und damit historische Wahrheit ansah. Manche (auch zeitgenössische) Verführung funktioniert nur, wenn diese Überzeugung schlechtgeredet und aufgegeben wird. Zweitens sieht Paulus im Ur-Geschehen der Verführung im Garten Eden Parallelen zum Wirken Satans unter den Glaubenden der Gemeinde in Korinth Tausende von Jahren später.

Die Verführung Evas geschah durch die Schlange, den gefallenen Engel, den Satan. Eva unterhielt sich mit der Schlange, Adam stand passiv und stumm dabei, er war die ganze Zeit „bei“ Eva, stand ihr aber weder bei, noch korrigierte er die Unterstellungen der Schlange (1. Mo 3,6). Es ist letztlich Adams Sünde, die das gesamte Menschengeschlecht in den Sündenfall und Tod riss (Röm 5,12ff). Eva wurde durch niemand gezwungen, sie wurde vielmehr überlistet. Sie empfing den Samen des Zweifels an der Wahrheit Gottes und fiel letztlich der glatten Lüge und List Satans zum Opfer. Paulus befürchtete: diese List hatte damals „funktioniert“ und sie würde auch in Korinth wieder „funktionieren“. Satan nutzt unsere frommen und auch unserer theologischen Begriffe und füllt sie kaum erkennbar mit anderen Inhalten. Er verändert Gottes klares Wort erst in Nuancen, um es dann ganz in Frage zu stellen. Die uralte Verführung des Liberalismus ist ein Angriff auf die Klarheit und Autorität der Schrift: „Hat Gott wirklich gesagt?“. Sie war damals erfolgreich, sie ist es heute noch.

Der Hollywood-Satan kommt als rotes Monster mit Pferdefuß und Hörnern oder als finstere Macht in Horrorfilmen daher. Der wirkliche Satan erscheint den Glaubenden als „Engel des Lichts“, seine Diener in „Gestalt als Diener der Gerechtigkeit“ (2. Kor 11,14). Satan will dich nicht erschrecken und dir Furcht einjagen, sondern er kommt mit Täuschung und List: er jubelt Menschen ein falsches Evangelium unter. Zwei Dinge sind hier entscheidend, hier musst du aufpassen: Wenn jemand sagt: „Ich weiß, dass dies in der Bibel steht und folgendes sagt die X-Kirche dazu…“, oder wenn jemand sagt: „Ich weiß, dass dies in der Bibel steht, aber das bedeutet nicht unbedingt das, was es anscheinend sagt“.

Sowohl Hinzufügung zum Evangelium Gottes als auch Abstriche vom Evangelium Gottes sind Verfälschungen. Sie führen nicht zu Gott und zum Heil, sie führen weg vom Zentrum, sie verführen.

Bei solchen Verführungsmanövern muss der Hirte aufpassen und seine Anvertrauten schützen. Das kostet alle Anstrengung und Konzentration. Umso mehr müssen wir auch die dritte Dimension beachten:

Dimension Drei: Der Fokus der pastoralen Fürsorge

Um was ging es Paulus zentral in seiner pastoralen Fürsorge um die Gemeinde? Sein Zentralanliegen war: Christus muss das Herzstück des christlichen Glaubens bleiben.

Der Kampf um die Treue des Gläubigen findet im Herzen und Verstand („Sinn“) statt. Es geht im Glauben nicht zuallererst um äußere Verhaltensverbesserungen oder um moralische Aufrüstung, sondern darum, dass Christus in einem reinen Herzen wohnt, in einem geheiligten Sinn (Denken und Fühlen), dass unsere Beziehung zu Ihm von innen nach außen eine reine ist. Daher will Satan unseren „Sinn verderben“, damit unsere Herzen von Christus abgelenkt werden. „Siehe mein vielgeliebter Sohn!“ ist Gottes Verweis auf den alleinigen, einzigartigen Fokus unseres Glaubens.

Käme Satan heute auf die Bühne oder auf die Predigtkanzel, er würde auch von Jesus Christus reden, aber von einem „Jesus Christus“ seiner eigenen Erfindung: ähnlich, aber fundamental anders! Das kann man in den Lehren und Schriften der Sekten und vieler Kirchen entnehmen. Paulus hat vor fast 2000 Jahren die Ältesten der Gemeinde in Ephesus gewarnt, dass „nach meinem Abschied reißende Wölfe zu euch hereinkommen werden, die die Herde nicht verschonen. Und aus euch selbst werden Männer aufstehen, die verkehrte Dinge reden, um die Jünger abzuziehen hinter sich her.“ (Apg 20,29-30). 30 Jahre später findet man in der Gemeinde in Ephesus eine tragische Entwicklung: sie hatten immer noch gute Lehre, aber ihre ersten Liebe verloren (Off 2,4). Der Angriff auf die „Einfalt gegenüber dem Christus“ war erfolgreich gewesen.

Daher muss im Kern und Fokus unseres Glaubens immer – und immer wieder! – Jesus Christus stehen. Daher setzte Jesus das regelmäßig zu wiederholende Abendmahl mit folgender Anweisung ein: „Dies tut zu meinem Gedächtnis!“ (1. Kor 11,24.25). Hier wird unsere Zuneigung, unser Sinn, unser Glaube entschieden! Ist Christus im Zentrum unseres Denkens, Lebens, Glaubens, Ehelebens, Familienlebens, Gemeindelebens, Arbeitens, Essens, Trinkens, Schlafens?

Das Hauptanliegen des Hirten Paulus war es, dass der Sinn und das Sinnen der Glaubenden nicht von Christus abgelenkt würden. Das ist der Fokus.

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