John Newtons Rat zu theologischen Kontroversen

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theologische Kontroverse

John Newton ist bekannt für sein allseits beliebtes geistliches Lied »Amazing Grace« (zu Deutsch: »O Gnade Gottes, wunderbar«). Newtons eigene Lebensgeschichte bezeugt, wie Gott einen der schlimmsten Sünder in seiner erstaunlichen Gnade gerettet hat.

Als Teenager war es als Matrose angeheuert. Einmal diente er einem Sklaventreiber praktisch als Leibsklave. Er war selbst in den Sklavenhandel verwickelt und beschrieb sich später als jemand, der ein liederliches Leben in moralischer Ausschweifung geführt hatte. Er bekehrte sich nach einem gewaltigen Sturm auf See und wurde schließlich ein gottesfürchtiger anglikanischer Prediger, Pastor, Liederdichter und Sklavereigegner. Obwohl Newton an den Lehren der Gnade festhielt, war er mit vielen wesleyanischen Brüdern befreundet, einschließlich John Wesley selbst, dem Vater der methodistischen Bewegung, der über die Lehren der Gnade eine andere Position vertrat.

Rat zu theologischen Kontroversen

Viele von Newtons Briefen sind uns erhalten geblieben. In einem von diesen, den der Herausgeber seiner Korrespondenz mit »Über Kontroversen« überschrieb, erteilt Newton einem Freund wertvolle Ratschläge, der kurz vor der Veröffentlichung eines Artikels stand, worin er die Theologie eines arminianischen Kollegen zu widerlegen gedachte. Was folgt, ist eine kurze Zusammenfassung der Anmerkungen, die Newton an seinen Freund richtete.

Erstens: Bete

Erstens bittet John Newton seinen Freund, während der Vorbereitung des zu veröffentlichten Artikels für seinen Gegner zu beten. »Diese Praxis wird direkt dazu beitragen, dass dein Herz zur Liebe und zum Mitgefühl ihm gegenüber beschwichtigt wird; und solch eine Gesinnung wird sich auf jeder Seite, die du schreibst, gut niederschlagen.« Das Gebet hat einen heiligenden Effekt.

Zweitens: Verachte nicht

Zweitens rät John Newton seinem Freund, dessen Gegner mit Samthandschuhen anzupacken, weil der Herr ihn liebt und weil beide ewiglich als Brüder zusammengebunden sind:

» … der Herr liebt ihn und ist geduldig mit ihm; deshalb darfst du ihn nicht verachten oder ihn grob anpacken … Bald werdet ihr euch im Himmel begegnen … und obwohl du es für nötig erachtest, dich gegen seine Irrtümer zu stellen, betrachte ihn persönlich als eine verwandte Seele, mit der du in Christus für immer glückselig sein sollst.«

Drittens: Belehre mit Sanftmut

Drittens appelliert John Newton an seinen Pastorenkollegen, seinen Gegner mit Sanftmut zu belehren, wobei er sich vor Augen halten soll, dass Gott letztendlich derjenige ist, der jemand, der sich im Irrtum befindet, zum Umdenken bewegt (2Tim 2,24–26, Phil 3,15).

Newton wies darauf hin, dass die reformierte Theologie seines Freundes »die Ausübung von Sanftmut und Mäßigung« erfordert und dass uns die Bibel anleitet, »nicht zu streiten, sondern die Widerspenstigen mit Sanftmut zurechtzuweisen«. Er ermahnte ihn, seine Worte behutsam auszuwählen und keine »Ausdrücke« zu gebrauchen, die seinen Gegner »provozieren« (Newton bezieht sich hier auf 2. Timotheus 2,24–26.) und ihm somit bei der Annahme der biblischen Wahrheit ein Stein des Anstoßes sein und ihr im Wege stehen könnten.

Viertens: Achte auf deine Einstellung

Viertens erinnerte John Newton seinen Freund an den Umstand, dass viele andere Christen seine Kritik lesen und davon beeinflusst sein würden. Einige seiner Leser, sagte Newton, werden zwar die Argumente nicht nachvollziehen und dennoch in der Lage sein können, den Geist, in dem die Argumente dargelegt wurden, zu beurteilen. Sie werden sich darin gerechtfertigt sehen, seine Theologie abzulehnen, wenn der Tonfall des Schriftstücks an Demut und Liebe vermissen lässt.

Über jene, die nur sehr wenig Verständnis für theologische Systeme mitbringen, schreibt Newton,

»Diese sind zwar äußerst unfähige Richter der Lehre, aber sie sind in der Lage, ein vertretbares Urteil über die Geistesverfassung eines Autors abzugeben. Sie wissen, dass Sanftmut, Demut und Liebe die Charaktermerkmale eines christlichen Gemüts sind.  … Sie sind scharfsichtig genug, um es sofort zu merken, wenn wir von solch einem Geist abweichen und sie nutzen diesen Anhaltspunkt, um ihre Geringschätzung unserer Argumente zu rechtfertigen.« (Newton zitiert hier 2. Korinther 10,3–5.)

Er warnte davor, dass ein falscher Geist, dem Anliegen eher schaden als dienen würde.

»Wenn unser Eifer durch Zornesausdrücke oder Verachtung verbittert wird, könnten wir denken, dass wir damit dem Anliegen der Wahrheit dienen, wenn wir es in Wirklichkeit nur in Verruf bringen. Die Waffen der Kriegsführung und die allein mächtig sind, die Festungen des Irrtums einzureißen, sind nicht fleischlich, sondern geistlich.«

Selbst Leser, die mit der Theologie und den Argumenten des Autors von ganzem Herzen übereinstimmen, könnten entfremdet werden, wenn die Feder des Autors nicht von einem Geist der Güte zusammen mit der Wahrheit geleitet wurde:

»Du könntest zu ihrer Erbauung beitragen, wenn das Gesetz der Güte sowie das der Wahrheit deine Feder bestimmt – ansonsten könntest du ihnen Schaden zufügen. Es gibt da ein uns selbst betreffendes Prinzip, das uns dazu neigen lässt, jene zu verachten, die anderer Meinung sind als wir und wir befinden uns oft unter dessen Einfluss, wenn wir glauben, dass wir lediglich einen angemessenen Eifer für Gottes Anliegen zeigen.«

Newton warnte seinen Freund davor, eine überhebliche, selbstgerechte Einstellung anstatt Demut gegenüber jenen, die anderer Meinung sind, an den Tag zu legen. Sündiger stolz kann ansteckend sein:

»Selbstgerechtigkeit kann von Lehren sowie von Werken zehren, und ein Mann könnte zwar das Herz eines Pharisäers haben, während allerdings sein Kopf mit rechtgläubigen Konzepten von der Unwürdigkeit des Geschöpfes und des Reichtums der freien Gnade vollgestopft ist. Ja, ich möchte dem noch hinzufügen, dass sich selbst die besten Männer nicht von diesem Sauerteig freisprechen können und deshalb allzu sehr dazu neigen, sich zu solchen Darbietungen hinreißen zu lassen, dass sie unsere Gegner der Lächerlichkeit preisgeben und somit unserem eigenen überlegenen Urteilsvermögen schmeicheln. Es wird mit Kontroversen weitgehend so umgegangen, dass man dieser falschen Neigung eher nachgibt, als dass man sie unterdrückt und deshalb bringen Kontroversen im Großen und Ganzen nur wenig Gutes zustande. Sie provozieren jene, die sie eigentlich überzeugen sollten und blasen jene auf, die eigentlich von ihnen erbaut werden sollten. Ich hoffe, dass dein Auftreten einen Geist wahrer Demut erahnen lässt und sich als Mittel erweist, einen solchen Geist auch in anderen zu fördern.«

Fünftens: Nimm dich vor negativen Auswirkungen in Acht

Fünftens bat John Newton seinen Freund, sich vor den negativen Auswirkungen in Acht zu nehmen, die diese Kontroverse auf seinen eigenen Charakter haben könnte. Der Autor könnte zwar richtig liegen und ein ehrbares Werk tun, aber dabei »die demütige, liebevolle Geistesverfassung einbüßen, an der sich der Herr erfreut.« Es ist möglich das Argument zu gewinnen, doch die Schlacht zu verlieren:

»Wir finden nur sehr wenige Autoren vor, die sich an Streitschriften beteiligt und keinen sichtbaren Schaden davongetragen haben. Entweder nehmen sie in ihrer eigenen Selbstwichtigkeit zu oder sie saugen dabei einen zornigen streitlustigen Geist auf. … Was nützt es einem Mann, wenn er seine Sache erfolgreich verteidigt und seinen Widersacher zum Schweigen bringt, dabei aber gleichzeitig seine demütige, liebevolle Geistesverfassung einbüßt, an der sich der Herr erfreut. … Dein Ziel, daran zweifele ich nicht, ist gut. Doch du hast es nötig zu wachen und zu beten, denn du wirst erleben, wie Satan dir zu deiner Rechten widersteht.«

»Die Weisheit von oben ist nicht nur rein, sondern auch friedlich und sanftmütig und der Mangel dieser Eigenschaften wird, wie die tote Fliege im Salbentopf, den Geschmack und die Wirkung unserer Bemühungen verderben. Wenn wir aus einem falschen Geist heraus handeln, werden wir Gott nur wenig Ehre, unseren Mitgeschöpfen nur wenig Gutes und uns selbst weder Ehre noch Trost zukommen lassen.«

Abschließender Gedanke

Zum Abschluss denke ich, dass du das folgende erstaunliche Eingeständnis von John Newton an einen Pastorenkollegen, den Herrn Whitford, für interessant halten wirst, worin er offen seine Meinung bezüglich religiöser Streitgespräche kundtut:

»Je länger ich lebe, umso mehr sehe ich die Eitelkeit und die Sündigkeit unsere unchristlichen Streitgespräche: Sie verschlingen die lebenswichtigen Organe der Religion. Es betrübt mich, darüber nachzudenken, wie oft ich auf diese Weise meine Zeit und meine Beherrschung verloren habe, indem ich mir angemaßt habe, mich um die Weingärten anderer zu kümmern, während ich meine eigenen vernachlässigt habe; als der Balken in meinem eigenen Auge meinen Blickwinkel so eingeengt hatte, dass ich nichts erkennen konnte als das Staubpartikel im Auge meines Nächsten. Es liegt mir nun am Herzen, ein besseres Teil zu erwählen. … Ich räume ein, dass jeder Bereich der Evangeliumswahrheit kostbar ist, dass es der Irrtümer überaus viele gibt und dass es unsere Pflicht ist, ehrlich das zu bezeugen, bezüglich dessen uns der Herr befähigt hat, Trost zu finden und mit Sanftmütigkeit jene anzuleiten, die bereit sind, angeleitet zu werden. Doch ich kann nicht sehen, dass es meine Pflicht ist, nein vielmehr halte ich es für meine Sünde, zu versuchen, meine Ansichten in die Köpfe anderer einzutrichtern. Allzu oft habe ich dies in der Vergangenheit versucht, doch nun beurteile ich, dass sowohl mein Eifer als auch meine Waffen fleischlich waren.«

 

Zitate aus: John Newton, »Letter 19, ›On Controversy‹«, in The Works of John Newton, Hrsg. Richard Cecil, 3. Aufl. (London: Hamilton, Adams, and Co., 1824: nachgedruckte Ausgabe, Edingburgh: Banner of Truth, 1985)

und

John Newton, »Letter I to Rev. Mr. Whitford, ›Duty of bearing opposition in a right spirit‹, Aug. 31, 1757«, in Letters by the Rev. John Newton, Hrsg. Josiah Bull (London: Religious Tract Society, 1869),

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