Whitefield und Wesley: Zuerst entzweit und dann vereint für den Rest des Lebens

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John Wesley und George Whitefield
Geschätzte Lesezeit: 5 Minuten

George Whitefield und John Wesley

Benedikt Peters begann seinen Vortrag zu John Wesley und George Whitefield mit folgenden Versen:

Mt 5,9: „Glückselig sind die Friedfertigen, denn sie werden Söhne Gottes heißen!“

Röm 14,19: „So laßt uns nun nach dem streben, was zum Frieden und zur gegenseitigen Erbauung dient.“

Phil 2,1-4: „Gibt es nun [bei euch] Ermahnung in Christus, gibt es Zuspruch der Liebe, gibt es Gemeinschaft des Geistes, gibt es Herzlichkeit und Erbarmen, so macht meine Freude völlig, indem ihr eines Sinnes seid, gleiche Liebe habt, einmütig und auf das Eine bedacht seid. Tut nichts aus Selbstsucht oder nichtigem Ehrgeiz, sondern in Demut achte einer den anderen höher als sich selbst. Jeder schaue nicht auf das Seine, sondern jeder auf das des anderen.“

1. Eine kurze Charakterisierung von John Wesley und George Whitefield

John Wesley (1703-1791) war dafür bekannt, dass er beharrlich war und unermüdlich an einem Ziel festhielt. Seit er den Weg eines Evangelisten betreten hatte, jagte er dem Ziel nach und wich keinen einzigen Tag davon ab, das Evangelium zu predigen. Er ritt mehr als 50 Jahre lang durch England, Wales, Schottland und Irland und rief Menschen zum Glauben auf. Er gründete und formte Gemeinschaften der Gläubigen („Societies“) und hielt ca. 40.000 Predigten.

George Whitefield (1714-1770) wurde nur 56 Jahre alt und hielt innerhalb von ungefähr 30 Jahren 30.000 Predigten. Whitefield predigte offen gegen die „unconverted ministry“ (das Phänomen der unbekehrten Pfarrer). Als John Wesley die Grabrede von Whitefield hielt, sagte er: „Haben wir jemals, seit den Aposteln, von jemandem gelesen oder gehört, der in der Hand Gottes das gesegnete Werkzeug gewesen ist, der so viele Sünder aus der Finsternis ins Licht und aus der Gewalt Satans zu Gott gebracht hat?“

2. Gemeinsamkeiten der beiden Evangelisten

Beide waren ordinierte Geistliche der anglikanischen Kirche, gehörten beide zum Holy Club (von Wesley gegründet).

Die beiden waren am 1. Januar 1739 bei der Geburtsstunde der methodistischen Erweckung anwesend. Sie erlebten Gottes Gegenwart auf eine besondere Art. Wesley schreibt: „Um 03.00 Uhr morgens lagen wir vor Gott im Gebet, als die Kraft Gottes so stark über uns kam, dass viele vor unbändiger Freude laut riefen, während mehrere zu Boden fielen. Als wir uns ein wenig vom Schauer vor der überwältigenden Majestät der göttlichen Gegenwart erholt hatten, riefen wir alle laut, wie mit einer Stimme: Wir preisen dich, oh Gott, wir bekennen, dass du Herr bist.“

Sowohl Wesley, als auch Whitefield, gaben sich radikal der Evangelisation hin. Mit Ausdauer, Fleiß und Beharrlichkeit dienten sie dem Herrn. Beide hatten den Mut, das Evangelium in aller Klarheit und Schärfe zu predigen (sowohl vor dem Pöbel als auch vor dem Hochadel).

Sie stellten beide einander eine Weiche, die für den Rest ihres Lebens entscheidend war. Wesley rief Whitefield 1738 nach Georgia in Nordamerika. Dies war der Anfang seiner sieben Reisen nach Nordamerika. Die Hälfte seines aktiven Dienstes als Evangelist verbrachte Whitefield in Amerika. Whitefield überzeugte Wesley davon, im Freien zu predigen und von Ort zu Ort mit dem Pferd zu reisen. Dies wurde dann zur Lebensaufgabe von Wesley.

3. Predigt von Wesley gegen die Prädestination

Trotz der vielen Dinge, die die beiden verbanden, gab es doch einen Punkt, den sie nie miteinander teilten. Sie hatten unterschiedliche Auffassungen zu der Frage der Erwählung, was zu einem dreijährigen Zerwürfnis der beiden führte.

Dieses Zerwürfnis begann 1739 mit Wesleys Predigt gegen die Prädestination mit dem Titel: „Free Grace“. Er hatte lange Zeit mit sich gerungen, ob er über das Thema predigen sollte oder nicht und ließ letztendlich das Los darüber entscheiden. Er sah sich von Gott dazu beauftragt, diese Predigt zu halten, erwähnte aber in seiner Predigt bewusst den Namen von Whitefield nicht, weil er niemanden anfeinden wollte. Dennoch war er in seiner Kritik sehr deutlich und sehr klar.

4. Whitefields Antwort auf Wesleys Predigt

Whitefield erfuhr von Wesleys Predigt, als er 1739 zum zweiten Mal auf dem Weg nach Amerika war. Er hatte die Predigt selbst noch nicht gelesen, aber seine Mitarbeiter klärten ihn darüber auf, welche Folgen sich aus dieser Predigt ergeben hatten. Somit schrieb er auf die Predigt von Wesley eine Antwort, die er 1741 in London drucken ließ. Die Predigt trug den Titel: „Brief an den Herrn Pfarrer John Wesley als Antwort auf dessen Predigt ‘Freie Gnade‘“. Beide bezogen öffentlich Position und besiegelten somit das Zerwürfnis. Doch auch wenn sie Position bezogen, so taten sie es mit sehr viel Schmerz und Traurigkeit.

5. Vergebliches Mühen um Einheit

Whitefield und Wesley waren sehr eng miteinander verwoben und liebten und achteten einander sehr und wollten sich nicht trennen. In den Jahren 1739-1741 versuchten die beiden noch die Einheit zu halten. Dies ist aus ihren Briefen ersichtlich. Whitefield wollte sich mit Wesley nicht uneinig sein, betonte aber immer wieder die Gnadenlehre in seinen Briefen. Allerdings führten ihre Diskrepanzen so weit, dass sie die Bemühungen um Einheit aufgaben.

6. John Wesley und George Whitefield entzweit

Der Riss ging am Ende sogar so weit, dass sie anfingen gegeneinander zu arbeiten und gegeneinander zu predigen. John Wesley ritt durch Bristol, die Stadt, in der Whitefields „Wirken“ begann, um dort John Calvin auszutreiben. Als Whitefield 1741 zurück nach London kam, mied er die Wesleys (Charles und John), weil er inzwischen der Meinung war, dass sie ein falsches Evangelium verkündigten und deswegen predigte er auch gegen sie.

Sowohl John als auch George hielten ihre theologische Position für so wichtig, dass sie meinten, nicht nachgeben zu können. Aber keiner von beiden hatte Ruhe im Herzen.

Nach einigen Monaten machte George einige vorsichtige Annäherungsversuche, die John Wesley gerne annahm. Viele Anhänger von Wesley waren nicht mit ihm einverstanden, allen voran sein Bruder Charles, der ihm einen scharfen Brief schickte. Dadurch kamen die Aussöhnungsversuche zunächst zum Erliegen. Beide arbeiteten in der Zeit weiter und die Arbeit von Whitefield und Wesley wuchs außerordentlich gut. Beide wurden von Gott gesegnet. Keiner der besonderen Lehrpunkte war so entscheidend, dass Gott nur den einen, aber nicht den anderen gebrauchen konnte.

7. Aussöhnung

Es musste Zeit verstreichen. „Wenn ein Zerwürfnis gewesen ist, dann muss die Seele erst zur Ruhe kommen.“ Man muss auch Zeit haben, darüber in Ruhe nachzudenken. Beide müssen nachgedacht haben und bei beiden führte das Nachdenken zum gleichen Ergebnis.

John Wesley und George Whitefield kamen zu dem Ergebnis, dass sie Frieden suchen mussten. Dies wurde durch Whitefields negative Erfahrung mit der presbyterianischen Kirche in Schottland bestärkt. John und George strebten danach, durch Briefe die Versöhnung voranzutreiben und trafen sich 1742 zum ersten Mal wieder nach längerer Zeit in London. Ende 1742 legten sie ihren Disput bei, sodass sie 1743 wieder brüderliche Gemeinschaft genossen. Beide hielten fest an den eigenen theologischen Überzeugungen, aber sie wurden sich im Geiste, in der Liebe und in der gegenseitigen Achtung eins. Sie arbeiteten nicht mehr gegeneinander, sondern miteinander.

8. Ergebnisse der Aussöhnung

Nach ihrer Aussöhnung waren die Folgen davon eindeutig zu erkennen. Folgende sechs exemplarische Punkte sollen dies verdeutlichen:

  • Whitefield und Wesley predigten in den Gemeinschaften des anderen.
  • Sie nahmen sich gegenseitig vor den eigenen Parteigängern in Schutz.
  • Whitefield ließ in der Tottenham Court Road Chapel eine Gruft anlegen, in der er mit den beiden Wesley Brüdern (John und Charles) bestattet werden wollte.
  • Sie gründeten gemeinsam mit der finanziellen Hilfe von Lady Huntington ein College
  • (eine Predigerschule) in Wales.
  • Whitefield wollte, dass Wesley an seinem Grab predigt.
  • Am 30.09.1770 starb George Whitefield. Wesley erhielt die Nachricht sechs Wochen später und hielt einen Nachruf auf Whitefield. In dem Nachruf übertraf er sich selbst.

Benedikt Peters schloss seinen Vortrag mit einigen Gedanken zu Matthäus 5,9: „Glückselig die Friedensstifter, denn sie werden Söhne Gottes heißen.“

Frieden stiften – so Benedikt Peters – ist eines der Merkmale eines Gotteskindes. Es gehört zum Wesen des Kindes Gottes, Frieden zu stiften. Wir als Kinder Gottes können viel von den beiden Evangelisten lernen, insbesondere dies:

„Wie sie es lernten, Frieden miteinander zu halten, zu bewahren und so gemeinsam in diesem großen Werk, zu dem Gott beide berufen hatte, dem Volk Gottes und den Menschen ihrer Zeit zu dienen.“

Gott gebe uns die Gnade, dies auch zu lernen und zu leben.

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